Zeit kann man nicht haben – Zeit kann man sich lassen

Wie wir über Zeit denken und sprechen wirkt sich darauf aus, wie wir Zeit erleben. Haben wir Angst, dass sie vergeht? Sind wir gestresst, weil wir zu wenig von ihr haben? Sind wir gelassen, weil wir uns Zeit lassen und es die richtige Zeit für alles gibt?

Was wir alles in die Zeit hinein managen

Vor kurzem habe ich in einer Organisation eine Fortbildung zum Thema Zeit durchgeführt. Wir terminieren in unserer westlich denkenden und arbeitenden Welt jede Menge Aufgaben, Tasks, To Dos, Herausforderungen, Projekte und sonstige Leistungen. Wir scheinen ein bestimmtes Zeitkontingent zu haben. Im Zusammenhang mit diesen Handlungen und der Zeit stehen: Stress, Zeitnot, Deadlines (!), asap, Überstunden, Ungeduld, Zeit ist Geld (und?), Effizienz, Zeitkiller, Angst, Pulsschlag, Burnout, uvm. Zeit steht im Zusammenhang mit etwas, das fehlt und krank macht.

Zeit und Überleben

Bei der Zeit geht es einerseits darum, Wirklichkeit zu gestalten – jeden Tag etwas zu tun, das das eigene Leben und das anderer Menschen sichert: Nahrung oder Material (abstrakt: Geld) beschaffen, bearbeiten, verwerten. Wenn wir dies im Laufe der Zeit nicht tun, verhungern, verdursten, erfrieren wir. Denn unser Körper funktioniert in zeitlichen Abläufen, in Zyklen. Mit den Zyklen unseres Körpers hängen die Zyklen unserer Lebensumstände zusammen: die der Natur, möglicherweise auch welche der Kultur. Wenn es Nacht ist müssen wir damit anders umgehen, als wenn Tag ist – ebenso mit Kälte und Hitze, Regen und Sonne, usw. Zeit hat etwas mit der physischen Lebenssicherung zu tun.

Zeit und Erleben

Andererseits erleben wir Zeit, die Zeit fühlt sich irgendwie an. Vielleicht vergeht sie zu schnell oder sie zieht sich in die Länge, sie ist knapp oder herrlich oder vieles andere. Wie wir die Zeit erfahren hängt damit zusammen, wie wir Zeit denken, welcher gesellschaftliche Konsens darüber besteht, was Zeit ist. Wir hier in der westlichen Welt denken, dass Zeit etwas Begrenztes ist, das wie auf einer Linie abläuft. Es mag befremdlich oder schockierend, vielleicht auch blödsinnig scheinen, aber dass Zeit etwas ist, das vergeht, ist keine Tatsache, kein Gesetz, keine Wahrheit.

Niemand weiß, was Zeit ist

Die Idee der ablaufenden Zeit ist irgendwann und irgendwo zum ersten Mal gedacht worden. Vermutlich hat sie etwas mit religiösen oder auch allgemein moralischen Vorstellungen zu tun (man muss ein guter Mensch werden). In jedem Fall passte sie gut zur Entstehung und Entwicklung der industriellen Gesellschaft. Durch zeitliche Koordination können mehrere Menschen an komplexeren Aufgaben aufeinander abgestimmt arbeiten, Maschinen in Gang gehalten werden.

Man wird jetzt gerne die Wissenschaft hinzuziehen, von Zahlen und Objektivem sprechen wollen. Wenn Sie das wirklich wollen, die Physik befragen zum Beispiel, werden Sie sehr viel lesen, nachdenken und nicht Verstehen (niemand versteht es so ganz). Und das Erkannte, also der echte, wissenschaftlich fundierte Stand der Dinge wird keine Bestätigung dafür liefern, dass Zeit etwas Objektives sei, etwas, das in eine Richtung abliefe, etwas, das überhaupt existiert. Newtons Theorie, dass Zeit objektiv und überall im Universum gleich verlaufe, ist von Einstein widerlegt. Nach Einstein ist Zeit relativ und hängt von Raum und Materie ab. Zeit sei mit dem Urknall entstanden – es gäbe eine Zeit, bevor es Zeit gab. Wir können wir uns das kaum vorstellen, aber wenn wir uns auf Wissenschaft, auf Physik und „logisches“, „rationales“, „analytisches“, „vernünftiges“, oder „objektives“ Denken berufen wollen, ist dies das Ergebnis. Ich möchte hier einfach nur darauf hinweisen, dass Zeit nicht als etwas bewiesen werden kann, das vergeht, verrinnt. Wenn wir das denken oder so erleben, liegt das nicht daran, wie die Zeit ist, sondern daran, wie wir über Zeit denken. Das hat sicherlich viele Vorteile, sonst würden wir nicht so denken. Aber vielleicht zeigen sich auch Nachteile, und dann lohnt es sich, neu über unser Zeitkonzept nachzudenken. Denn eines ist dennoch sicher: Wir leben dieses eine Leben nur einmal. Wie wollen wir es erleben?

Lineare Zeit und zyklische Zeit

Meiner Ansicht nach lohnt sich ein interkultureller Vergleich. Wir (vor allem in der westlichen Welt) stellen uns Zeit gerne als einen Fluss vor. Aber wir können Zeit auch als einen Kreislauf oder einen See, oder etwas ganz anderes denken. Die Metapher vom Fluss entspricht der Idee, dass Zeit verrinnt, also linear abläuft.

Viele (Natur-)Kulturen sehen die Zeit als einen Kreislauf, etwas das immer wiederkehrt und nicht vergeht. Jeder Morgen ist eben der Morgen, jeder Frühling der Frühling, jedes Jahr das Jahr. Wichtig ist nicht, was die Uhr anzeigt, sondern was gerade ganz konkret Wirklichkeit ist. Im Burundi in Afrika können Terminabsprachen wie folgt aussehen: „Wir treffen uns, wenn die Kühe auf die Weide gehen/ zur Wasserstelle laufen.“ Irgendwann laufen die Kühe mit Sicherheit zur Wasserstelle, das tun sie jeden Tag. Das Volk der Nuer (Nomaden aus dem Südsudan) unterteilt die Monate nach der geeigneten Zeit für etwas: Wann scheint es geeignet, das Lager bei den Tieren aufzuschlagen? – Dann ist der Monat „dwat“. Wann scheint es geeignet, in die Dörfer zurückzukehren? – Sobald es soweit ist, beginnt der Monat „kur“.

„Europäer haben Uhren, Afrikaner haben Zeit.“ (Afrikanisches Sprichwort)

Bei diesen Völkern ist Zeit nicht etwas, das man haben und organisieren kann, sondern etwas, das man (zu-)lässt, wie es ist oder kommt. Die Zeit für Regen, für Ernte, für Tiere hüten, für Pflanzen sammeln, etc. kommt immer wieder, die Zeit ist eine “Zyklische Zeit“. Die zyklische Zeit wirkt sich anders auf das Weltbild und das Empfinden der Zeit aus als die lineare Zeit. Man verliert Zeit nicht, sie kommt ja morgen oder nächstes Jahr wieder. Wir müssen also nicht zwingend denken, dass Zeit verrinnt oder rast. Bei manchen Völkern steht die Zeit sogar still.

Wie wirkt sich unser Bild von Zeit auf unsere Zeiterfahrung aus?

Die zyklischen Weltbilder bringen Gelassenheit. Es geht nicht um die Zeit, die auf der Uhr steht (Uhrzeit-Kultur), sondern darum, wofür die Zeit „reif“ ist, um die Zeit, die etwas braucht (Ereigniszeit-Kultur). In jedem Moment der Reife ist sowohl der Anfang als auch das Ende enthalten. Die Idee von der zyklischen Zeit bewahrt vor dem Empfinden von Verlust.

Man kann versuchen, Zeit zu managen. Das gelingt vielleicht teilweise, aber wir stellen doch immer fest, dass wir Zeit ja gar nicht „haben“ – wie können wir sie dann wirklich managen? Man kann auch versuchen, Zeit zu „lassen“ – sich und den anderen zu lassen. Das wäre eine Chance auf Gelassenheit.

„Der Gruß der Philosophen untereinander sollte sein: Laß Dir Zeit.“ (Ludwig Wittgenstein)

Literatur:

  • US-Psychologe Robert Levine: Eine Landkarte der Zeit. Wie Kulturen mit Zeit umgehen.
  • Martin Heidegger: Gelassenheit

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